Medium & Stil im Netz der Zeit
1. Juli 2014

Retrokeramik

Endlich wieder Flohmarktzeit – Sonnenbrand auf den Armen, Staub an den Fingern und neue Sommersprossen – nichts geht über Flohmärkte im Sommer. Fast jedes Wochenende rüstet irgendein Dorfplatz, eine LKW-Raststätte oder ein Marktplatz auf, um für ein paar Stunden vergessenen Kram und gut erhaltenen Trödel zu präsentieren.

Mittlerweile habe ich einen geschärften Blick und weiß schnell, an welchem Stand es sich lohnt, stehen zu bleiben. Meine Wunschliste ist sehr präzise geworden: Steckkerzenständer, Emaille-Schmuck und Keramikvasen. Die industriell gefertigten Vasen und Gefäße aus den 50ern bis 70ern haben es mir sehr angetan:

Eine der bekanntesten Produzenten ist die Scheurich KG, die sich als Scheurich & Greulich 1928 auf den Vertrieb von Auftragsware im Bereich Glas und Keramik spezialisiert hatte. Eigene Keramik wurde erst Anfang der 50er-Jahre produziert.

Die Scheurich-Produkte zeichnen sich durch bunte Farben und unterschiedlichste Muster aus. Die gleichen Modelle wurden in mehreren Farben produziert. Immer wieder auf’s Neue fasziniert mich, dass die Vasen im Zusammenspiel sehr gut “funktionieren”: egal wie unterschiedlich der Stil, die Farben, Jahrzehnte sind – sie passen in der Gruppe fantastisch zusammen.

Bay ist ein weiterer Keramikhersteller: 1933 gegründet von Eduard Bay und spezialisiert auf Zier- und Gebrauchskeramik, drei Jahre später stellte das Unternehmen auf Glasurkeramik um. Josef Koch verantwortete das Design in den 50ern, 1960 kam Bodo Mans dazu, der für seine bunten, manchmal schrillen und abstrakten Dekore berühmt wurde. 1970 ließ sich Bay den “Römertopf” patentieren, woraufhin sich auch der Firmenname änderte.

Den Erfolg und die Beliebtheit dieser Produkte in der Nachkriegszeit ist nicht ganz aufzuschlüsseln, vielleicht lag es an den neuen Entwürfen, den intensiven Farben und den neue Techniken wie “Gemmo” und “Sgrafo”. Mit der Sgrafo-Technik werden Gefäße in mehreren Farbschichten gegossen, die dann eingeritzt werden. Das so entstehende Muster macht die darunter liegenden Schichten sichtbar. Auch mit den Farben wurde experimentiert, was u.a. zum Ergebnis das typische tiefe intensive Rot hatte.

Richtig wertvoll sind Bay- und Scheurich-Produkte zumindest in Deutschland (noch) nicht. Es entwickelt sich aber ein internationaler Markt und der Export z.B. nach Australien soll sich laut eines befreundeten Antiquitätenhändlers mittlerweile lohnen. Auf kleineren Flohmärkten kann man immer mal wieder ein Schnäppchen machen, v.a. ältere Damen machen den Eindruck, ihre alten Vasen günstig loswerden zu wollen. Seltenere Exemplare findet man bei etsy, Dawanda oder ebay.

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