Medium & Stil im Netz der Zeit
22. August 2011

Les amours imaginaires

Ein verregneter Augustabend. Sich Sinkenlassen in die tiefroten Sitze des kleinen Arena-Kinosaals und für knapp 90 Minuten die ernste deutsche Welt verdrängen lassen von französisch-italienschen Bildern und Klängen, die von ganz großen Sehnsüchten sprechen.

Auf Reihe Sieben gibt es schon eine Kritik zu meinem neuen Lieblingsfilm von Xavier Dolan “Les amours imaginaires”. Hier wollte ich noch einmal einen detaillierteren Blick auf die Großartigkeit dieses Films lenken.

Der Protagonist Francis bemängelt an Marie in einer Szene, dass sie ein “anachronistisches” Kleid trüge – Marie ist dem Vintagestyle verfallen und ist in den meisten Situationen im Film overdressed, aber immer superstylish gekleidet. Sie trägt Kleider im Mad Men-Stil und die Kamera fängt diese auch Joan-like ein. Als die drei Hauptdarsteller im Wald verstecken spielen wollen, meint sie spöttisch, ihr elegantes Abendkleid sei zu “sportiv”, sie müsse sich umziehen… Im cremefarbenen Paillettentop schleicht sie schließlich durch die Wälder. In einer weiteren Waldszene bleibt sie mit ihren roten knallroten Highheels kontinuierlich im feuchten Boden stecken. Ihrer Eleganz tut dies keinen Abbruch. Ihr Haar und der Lidstrich sitzen perfekt. Überhaupt das Haar: Wie in früheren Zeiten geht sie zum Coiffeur, um dort ihren Liebeskummer loszuwerden und sich das Haar für den Tag frisieren zu lassen. Eine steife Hochsteckfrisur im Stil von Tipi Hedren.

Altertümlich an diesem Film ist auch seine Langsamkeit: Er nimmt sich Zeit, ohne dabei langweilig zu werden. Nahaufnahmen, Zeitlupen, klare Kommunikation über Blicke, keine hektischen nichtssagenden Schnitte. EIn Soundtrack, der die Bilder anleitet. Die Worte aus den hübschen Mündern der Darsteller spielen nur eine nebensächliche Rolle. Die Wahrheit steckt in ihren Blicken, Gesten und das braucht etwas Geduld, um wirken zu können. Diese Blicke sind es, die tief berühren, die von den Schmerzen erzählen, die die eingebildete Liebe mit sich bringt.
Deshalb braucht der Film keine großen, umständlichen Kulissen, keine unnötigen Handlungsstränge. Alles ist konzentriert auf das Hauptthema.

Le temps est bon. Le ciel est bleu.

Kommentare

2 Antworten zu “Les amours imaginaires”

  1. Björn Eichstädt
    24. August 2011

    Klingt gut!

  2. Julia
    30. August 2011

    Es gibt kaum einen schöneren Rückzugsort als alte Kinos. Mein neuer Favourite: Das Caligari in Wiesbaden, ein wunderschönes altes, schnörkelig-plüschiges Kino wie das am Sendlinger Tor.

    Hach!

    http://www.wiesbaden.de/microsite/caligari/kino/index.php

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