Medium & Stil im Netz der Zeit
7. August 2011

I’m fashion. I’m human.

Was mir weiterhin richtig unangenehm in Erinnerung bleibt bezüglich der Fashion Week Berlin diesen Sommer, ist die knallharte Oberflächlichkeit der Veranstaltung und der kompletten Atmosphäre. Fällt man auch nur einen winzigen Teil aus dem Raster der Perfektion, der vermeintlichen Originalität und Individualität, wird man streng gemustert, ignoriert, belächelt. Ein Schaulauf der puren Eitelkeit, Blitzlicht hier, Blitzlicht da, es geht nur darum, wer das tollste Outfit hat. Ich glaube, ich habe nur ein einziges tiefergehendes Gespräch geführt dort.

Richtig bewusst wurde mir das Paradoxe dieser Veranstaltung dann aber erst beim Fashionbloggercafé. Ohne viel Mühe konnte man hier sofort ausmachen, wer sich zu den Fashionbloggern zählt und wer nicht. Ganz ohne Namensschild. Alle scheinen irgendwie einem Trend zu folgen und proklamieren doch gleichzeitig für sich, wahnsinnig individuell und ausgefallen zu sein.

Mit Spiegeleule habe ich ein sehr nettes Gespräch über Mode und Stolperfallen geführt (leider ist der Ton des Videos so schlecht, dass ich Euch ihre Antworten verschriftliche):

Du hast früher einen Fokus auf Outfit-Posts gelegt, warum jetzt nicht mehr?
“Ich identifiziere mich einfach nicht mehr mit Mode und ich mag es nicht, mich selbst abzulichten. Bei Fashionfotos bleibt es immer beim Visuellen, es geht nur um das Outfit. Mittlerweile ist es mir einfach irgendwie unangenehm Kommentare zu Posts zu lesen, in denen ich abgebildet bin. Ich mag es, mich zurückzuziehen. Aber bei meinem Blog geht es trotzdem immer um mich, es sind meine Fotografien, das ist ein Teil von mir. Insofern ist Bloggen immer Selbstinszenierung. Aber die fashionoutfits finde ich nicht mehr ablichtungswürdig, ich würde sie nicht mehr in den Vordergrund stellen. Außerdem sehe ich viel mehr Menschen, die besser angezogen sind als ich.”

Wirklich? Ich finde, gerade hier beim Fashionbloggertreffen fällst du positiv auf…
“Ja, es gibt schon ein paar “Fashionblogger-Items” wie Keilabsätze oder die Konzentration auf cremefarbene Sachen. Es ist schon witzig. Ich treffe oft Leute, bei denen ich mir denke: Du siehst so aus, als hättest du ein Blog. Es wird uniform. Aber das ist eben der Prozess des Onlinezeigens: Jeder kann verstehen, was der Look gerade erfordert.”

Was ja auch schön ist, weil man sich inspirieren lassen kann. Man muss nur wissen, wie man die Sachen für sich neu kombiniert und adaptiert.
“Und genau das ist das Problem. Es gibt einfach Trendteile, die jeder versucht anzuziehen, aber es gibt einfach Formen, die passen nicht zu jeder Silhouette. Oder Menschen zupfen die ganze Zeit an ihrem Outfit herum, weil sie sich nicht darin wohlfühlen. Man kann es sich auch einfach machen, indem man sich nicht so einen Kopf macht.”

Wie würdest du deinen Modestil beschreiben?
“Es muss mittlerweile bequem sein. Und ich kaufe wust und wirr ein, einen richtigen Stil gibt es nicht. Manchmal mag ich den Hippie Look, dann bin ich wieder bei komplett schwarz, transparent, langen Silhoutten. Bei meinem Stil bin ich noch nicht angekommen. Ich kaufe total gerne bei dem Second hand-Laden bei mir ums Eck. Aber ich verrate nicht wo. Dort ist es immer lustig, weil die ganzen russischen Muttis mit wenig Geld bunte T-Shirts für ihre Kinder suchen. Und ich kann dann die ganzen schrägen Sachen für mich nehmen. Wenn dort jemand herumläuft, der in etwa so alt ist wie ich, mustere ich ihn immer schon misstrauisch: Das ist mein Revier, weg hier (lacht). Aber ich finde auch, dass man die schönsten Teile beim Vereisen findet. Da habe ich dann eine Story zu jedem Teil, eine Erinnerung, das ist für mich viel wichtiger. Selbst wenn ich nur zu einem H&M in einem anderen Land gehe, ist das schon etwas anderes. Man kann die Sachen in die Hand nehmen und erlebt die ganzen Erinnerungen noch einmal.”

Irgendwie ist es schade, dass Mode immer schnelllebiger wird, alles nur von Trends bestimmt wird, die oft richtig lächerlich aussehen und keinem stehen. Und vor allem nie wieder getragen werden. Die Aktion “I’m fashion. I’ human.” befasst sich mit diesem Missstand, hinterfragt die Produktionsbedingungen der Modeketten und setzt sich für nachhaltige Mode ein.

Aber vielleicht sollte man ganz einfach bei seinem eigenen Kleiderschrank beginnen und hinterfragen, warum die Dinge darin nicht richtig abgetragen werden. Brauche ich zehn Paar Jeanshosen oder reicht mir ein Paar, das ich bis zum Zerfetzen anziehe? Kann ich nicht selbst Kleidungsstücke nähen/ stricken? Wie sieht es mit Vintagekleidung aus, die quasi dann doppelt getragen wird? Mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für die eigene Kleidung führen gleichzeitig dazu, dass man sich seines Stils bewusster wird. Und das finde ich kreativer, individueller und natürlich stilvoller als jeder erzwungene Streetstyle-/ Fashion Week-Look, der nach Aufmerksamkeit und Ablichtung in einem Printmagazin oder Outfit-Blog schreit. Das Wichtigste ist immer noch, zu sich selbst zu stehen. Denn Kleidung ist eine Ausdrucksmöglichkeit, genauso wie texten, fotografieren, etc. Sie spiegelt den Menschen wider, den sie gleichzeitig umhüllt. Also steht zu Euren Einhörner-Shirts, Eurem Suit-up Look, dem Oma-Style. Authentizität und Komfort sind alles.

Kommentare

2 Antworten zu “I’m fashion. I’m human.”

  1. Tom Siegmund
    8. August 2011

    Ich war ja in der Woche auch grad in Berlin und finde die Mode oft sehr schräg, vielleicht lags auch nur an den normalen Berlinern ;)
    Da ich auch mehr so der Typ Jeans meets H&M und Jack&Jones Shirts, finde ich den ‘es muss bequem sein’ Stil ansprechend. Vor allem ist das ehrlich und es gibt immer noch Accessoires die das ganze abrunden können. Aber da bist Du ja eh die Expertin.

    P.s: Wer hat Einhörner an? Zeigen! Und Bambi ist auch toll

  2. katrin
    8. August 2011

    Komisch – aber vielleicht kommt das daher, weil ich von vorneherein nicht dem “Fashion-Standard: dünn, jung, hip” entspreche – aber ich habe die Modewoche genau als das Gegenteil erlebt. Extrem gute Gespräche geführt, Freunde getroffen, Spaß gehabt. Und das weitab von hämischem Gemustertwerden. Ich bekam eigentlich immer nur Komplimente für die Outfits.

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