Medium & Stil im Netz der Zeit
27. Mai 2011

Taking my picture?

Seit “The Red Shoes” bin ich ein großer Michael Powell-Fan, nach “Black Narcissus” habe ich mir nun vor kurzem den schon lange überfälligen “Peeping Tom” angesehen.
Der Film versteht es unglaublich gut, sich mit sich selbst und mit dem Medium, mit dem er arbeitet, auseinanderzusetzen (erinnert mich fast ein bisschen an “Zerrissene Umarmungen” von Almodovar):

Sofort der Einstieg macht klar, worum es gehen wird: Aus einer runden Zielscheibe wird Karlheinz Böhms Auge, der eine Frau beobachtet. Das Täter-Opfer-Verhältnis ist sofort hergestellt. Viele Teile des Films haben den „Kamera-Filter“, eine Schablone über der Linse, die den Blickwinkel des Filmenden imitiert. Böhme behauptet, er sei bezeichnenderweise vom „Observer“. In einem Hinterzimmer schießt er Erotik-Fotos, tagsüber arbeitet er bei einer Produktionsfirma und träumt davon, Regisseur zu werden. Mehrere Filmminuten spielen in seiner Dunkelkammer und Projektionsraum, wo er seine selbstgemachten Snuff-Videos rezipiert.

Böhme ist der typische asoziale Psychopath, der in Gegenwart von Menschen unsicher, nervös, schüchtern und unbeholfen wirkt. Nur hinter und mit seiner Kamera fühlt er sich wohl, die er wie einen Menschen umarmt, küsst und streichelt. Lediglich die junge Helen vermag es hinter seine Kulissen zu blicken und schreckt vor seinen seltsamen Verhaltensweisen nicht zurück. Bei ihrer ersten Begegnung bietet ihr Mark ein Glas Milch an – die Szene erinnert mich stark an PSYCHO und Norman, der Marion ein einfaches Abendessen aus Sandwiches und Milch zubereitet.
Flach ist der Film in der psychologischen Ebene; auch das erinnert mich wiederum an Hitchcock, bei dem auch immer wieder Freudsche Erklärungsversuche herangezogen werden. Marks Vater ist Schuld an Marks Skopophilie, da er seinen Sohn als biologisches Versuchsobjekt betrachtete und ihn in seiner Kindheit permanent filmte und Angstsituationen aussetzte. Dass für Mark nun Angst, die Angst von Frauen, zum zentralen Motor wird, ist platt, aber die Selbstreflexivität des Films weiß das wieder gut zu machen:

Wirklich wunderbar sind die vielschichtigen Szenen, in denen immer wieder mit der „Kamera“ gespielt wird. Helen sieht sich alte Filme von Mark an, Mark filmt sie bei dieser Rezeption und gleichzeitig sieht der Filmzuschauer allen beiden bei ihrem Tun zu. Seiner Kollegin baut Mark Kulissen, über die sie munter tanzt. Er befiehlt ihr, sich zur Abwechslung mal hinter eine Studiokamera zu stellen, wobei er sie wiederum von vorne filmt: „Photographing you, photographing me“. „Mark, you’re brilliant“, möchte man auch dem Drehbuchautor und Regisseur zurufen. Nur logisch, dass sein Kameraccessoire, das Stativ, zur spitzen Mordwaffe wird. Seltsam ist allerdings Marks Einstellung zu seinen „Werken“: „Whatever I photograph, I always lose“. Eigentlich genau das Gegenteil der Eigenschaften der Speichermedien Fotos und Film. Aber Marks Filme sind Snuffvideos, seine Opfer tot nach dem Aufzeichnen und das Vergnügen bleibt ihm nicht lange erhalten, da er immer wieder zuschlagen muss. Helens blinde Mutter berührt ihn im Gesicht, tastet es ab und „liest“ ihn, worauf Mark flüstert: „taking my picture?“.

All diese Spielereien machen für mich diesen Film zu einem Meisterwerk. Vom süßen Englisch von Karlheinz Böhm ganz zu schweigen.

(Die Fotoauswahl war übrigens gar nicht so einfach: Meine Kamera war ja diesmal schließlich vor der Kamera…)

Kommentare

Eine Antwort zu “Taking my picture?”

  1. Björn Eichstädt
    28. Mai 2011

    Powell ist einfach groß. Empfehle Dir auch sehr “Edge of the World”

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