Medium & Stil im Netz der Zeit
23. Mai 2010

Hitzige Bücher, fragendes Fernsehen

Stell dir eine Welt vor, in der es keine Bücher gibt, keine Romanliteratur, Enzyklopädien, Lexika, keine Zeitungen. Stell dir eine Welt vor, in der es dir verboten wäre zu lesen. Keine Gedichte, keine Märchen,… Alle Informationen, die du benötigst, stellt dir das Fernsehen zur Verfügung.

Basierend auf der Romanvorlage von Ray Bradbury dreht François Truffaut 1966 „Fahrenheit 451“, der genau eine solche Welt zeichnet. Ich will nicht allzu viel über den Film verraten, sondern euch einfach wieder ein paar Eindrücke und Ideen vorstellen.

Zuallererst ein Filmplakat, das ich schon seit Ewigkeiten haben möchte, leider ist es viel zu teuer. Aber wie die kühlen Farben von Julie Christie das Rot des Feuers noch unterstreichen,… hach:

Die Gegenüberstellung Buch – Fernsehen spielt eine essentielle Rolle im Film. Truffaut inszeniert diese Medien deshalb so als wären sie Hauptfiguren, das heißt, es gibt viele Großaufnahmen und alleinige Einstellungen mit den Medien ohne die „echten“ Protagonisten:

Als der Protagonist Montag zum ersten Mal ein Buch liest, zweckentfremdet er den Bildschirm des Fernsehers als Beleuchtungsmittel, um genug sehen zu können. Die Kamera zeigt ihn von hinten wie er mit seinem Finger die Buchzeilen während seines stockenden Lesens entlangfährt. Auffällig an den Einstellungsgrößen ist, dass sie immer „enger“ werden: Von der Nahen in die Großaufnahme, von dieser ins Detail. Das Buch wird so schließlich zum Hauptakteur der Sequenz, da sich die Kamera im Laufe des Leseprozesses immer mehr von Montag löst und sich eingehend dem Buch, das er liest („David Copperfield“), widmet (ab 5:26 min):

Auch in einer weiteren Schlüsselszene des Films spielen Bücher dir tragende Rolle. Montag und sein Vorgesetzter entdecken während einer Razzia eine versteckte Bibliothek. Während Montags Captain einzelne Bücher aus den Regalen räumt und die Bände kommentiert, zeigt die Kamera in Großaufnahmen die Titel: „Othello, The Moor of Venice“, „Madame Bovary“ und „Vanity Fair“. Aber warum sind Bücher eigentlich verboten in Montags Welt? „The people that read them it makes them unhappy with their own lives, makes them want to live in other ways, they can never really be“, erklärt Montags Chef in der Bibliothek. Bücher setzen also Imaginationen frei, lassen die Phantasie des Menschen spielen und in seiner momentan Situation unzufrieden werden. Bücher können also ein anderes Möglichkeitsspektrum als der Ist-Zustand aufzeigen und Sehnsüchte wecken (ab 6:20 min):

Da Bücher verboten sind, nimmt das Fernsehen die Rolle des Leitmediums der „Fahrenheit 451“-Gesellschaft ein. Montags Frau ist dem Fernsehen ebenso wie ihren verschiedenen Pillen verfallen. Das Fernsehen ist ihre Familie. Sie partizipiert sogar als Zuschauerin aktiv an einer Fernsehserie: Der zuvor gezeigte Fernsehbildschirm nimmt immer mehr die Fläche des Filmbildes ein, auf dem sich zwei Männer über Belanglose unterhalten und in regelmäßigen Abständen Linda eindringlich ansehen und sie um Rat bitten (ab 5:35min):

Die kurzen Erklärungen und Filmausschnitte erscheinen euch vielleicht etwas abgehackt und unzusammenhängend. Aber ich wollte euch nicht den ganzen Kontext des Filmes verraten, schaut ihn euch wirklich einmal an, es lohnt sich. Und danach lest ihr mit Sicherheit mehr Bücher.

Hier noch ein kurzer Hinweis auf den grandiosen Schluss von „Fahrenheit 451“: Da Bücher im Film-Staat verboten sind, formiert sich eine kleine revolutionäre Randgruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Bücher auswendig zu lernen. Jedes Mitglied sucht sich sein Lieblingsbuch aus und memoriert es. So leben die Worte, Sätze und Ideen der Bücher in den Menschen fort. Die Gedanken, die einst zu Papier gebracht wurden, kehren zurück in die Gedankenwelt eines anderen Menschen.

Na wenn euch das nicht neugierig gemacht hat, dann weiß ich auch nicht…

Kommentare

Eine Antwort zu “Hitzige Bücher, fragendes Fernsehen”

  1. Sibylle
    26. Mai 2010

    Horror pur!!!
    Lieber verzichte ich auf nichtssagende Menschen als auf Bücher.
    Books are the girls best friends :)

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