Medium & Stil im Netz der Zeit
25. April 2010

„My hobby is stuffing things“

Alfred Hitchcock dreht Ende der 50er-Jahre seinen letzten Schwarzweiß-Film: „Psycho“. Legendär ist dessen Duschszene: Noch heute ist die schrille Geigenmusik von Bernard Hermann der Indikator für absoluten Grusel, teilweise auch parodiert in Komödien. Doch gerade diese Popularität einer einzelnen kurzen Sequenz lässt den Rest des Films oft wie das Blut im kreisrunden Abfluss versickern. Auch bleibt der Film oftmals „nur“ als Horrorfilm in Erinnerung – dabei wird schlicht übersehen, welche weiteren Bedeutungsebenen und Elemente das Werk noch enthält. Hier ein paar Hinweise, auf was ihr bei der nächsten „Psycho“-Rezeption achten könnt:

Hitchcock tritt in seinen Filmen einmal selbst im Geschehen auf. Mal als Hundebesitzer, mal als Absolvent auf einem Abschlussfoto, etc. Seine Gastauftritte werden als Cameo bezeichnet und sind im fortschreitenden Verlauf seiner Karriere so beliebt beim Publikum, dass er sie recht früh am Filmanfang platzieren musste, um die Zuschauer nicht lang auf die Folter zu spannen. In „Psycho“ ist sein Auftritt etwas unspektakulär:

Nebensächlichkeiten, die einem modernen Zuschauer gar nicht mehr auffallen, lösten in der Produktionszeit von „Psycho“ gesellschaftliche Debatten aus. Hitchcock zeigt Marion dabei, wie sie ein von Norman zubereitetes Sandwich isst. Nahrungsaufnahme, also ein Indiz auf körperliche Funktionen und Instinkte war in der Zeit, in der der Production Code vorherrschte, ein Tabu. Hitchcock setzte sich darüber hinweg und steigerte seine Provokation noch: Kurz vor dem Duschmord zerreißt Marion in ihrem Motel-Badezimmer ihre Kalkulation und spült die Fetzen in einer Toilette hinunter. Nichts Anzügliches, oder? Doch auch hier wieder der klare Hinweis auf Körperfunktionen und –bedürfnisse.
Mal abgesehen von den zahlreichen sexuellen Anspielungen, die der Film enthält: Norman spannt durch ein kreisrundes Loch und beobachtet Marion beim Ausziehen, er kommt dabei außer Atem, er hüllt sich in Frauenkleidung (Travestie), Linda entdeckt Literatur in Normans Zimmer, die nicht gezeigt wird – obszöne Inhalte?

Und dann natürlich unvermeidlich der Höhepunkt in Form des Duschmords. Marion wird ausgerechnet in ihrem schutzlosesten, nacktestem Moment mit dem Messer penetriert und getötet. Wobei kein einziges Mal wirklich im Bild zu sehen ist, wie und ob das Messer sie berührt. Die Montage lässt den Film in unserem Kopf entstehen.
Die Duschszene dauert übrigens nur etwa 3 Minuten an. Wenn man versucht, diese Szene zu verschriftlichen, dann sieht das so aus:

Oder audiovisuell:

Unbeschreiblich schön, wie sich Marions Auge über den Badewannenabfluss legt.
Und damit bin ich doch wieder an der Duschszene hängen geblieben, obwohl ich ja noch andere Elemente zeigen wollte.

Auffällig im Film ist zum Beispiel das Motiv des Vogels. Normans Hobby ist Taxidermie, er präpariert am liebsten Vögel – neben seiner eigenen Mutter: „I think only birds look well stuffed because they’re kind of passive to begin with“. Marion isst mit Norman in dessen Büro zu Abend, dort sind sie umgeben von ausgestopften Vögeln an den Wänden und auf Kommoden. Sie scheinen Marion direkt anzusehen und werfen bedrohliche Schatten. Norman vergleicht Marions Essverhalten: „you eat like a bird“; die beiden sind umgeben von ausgestopften Vögeln an den Wänden und auf Kommoden, die bedrohliche Schatten werfen. Ironisch wird es dann, als Norman über seine Mutter spricht: „she’s harmless as one of those stuffed birds“. Die Frau-Vogel-Analogie findet sich auch im Englischen: In Hitchcocks „Frenzy“ (1971) werden die jungen Frauen als „birdies“ bezeichnet, was umgangssprachlich mit „Täubchen/ Puppe“ übersetzt werden kann.

Genau hinsehen und -hören lohnt sich, findet ihr nicht?

Kommentare

2 Antworten zu “„My hobby is stuffing things“”

  1. Florian G.
    25. April 2010

    Sehr interessant, Deine Schilderung zu den Motiven: So hab ich das noch nie gesehen – muss den Film wohl noch mal anschauen.

  2. Tom Siegmund
    26. April 2010

    Täubchen, das ist so cool, ganz neue Seiten aufgezeigt und das mit dem Cameo find ich auch geil, sowas taugt mir immer.
    Dein Bild mit den Cameinstellungen am Abfluss: Genial!
    Jaja, die Duschszene, und am Ende gehts doch immer um Körperfunktionen und –bedürfnisse

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